Mittwoch, 29. Juni 2011

Es ist doch noch viel zu früh.



Wenn ein junger Mensch stirbt, heißt es automatisch, er oder sie ist zu früh von uns gegangen.
Das mag stimmen – wenn man jung ist, gibt es ja noch so viel, was man tun will, soll oder muss.


95% aller Tagträume beschäftigen sich mit der Zukunftsplanung.
Wenn man stirbt, hat man keine Zukunft mehr; zumindest nicht in dieser Welt.
Ob es danach was gibt?
Darüber denke ich ungern nach, um ehrlich zu sein.
Die Menschen, die es wissen, können es uns kaum mehr sagen.
Und ihr Leute, die ihr den Wachtturm schwingt und mich bekehren wollt, ihr Menschen, die ihr mit der Bibel im Herz versucht, mir zu erklären, dass nach dem Tod der Himmel oder die Hölle kommt:
Woher wollt ihr das wissen?
In gottesgläubigen Schriften mag stehen, dass es ein Himmelreich gibt – aber hat es denn je von euch einer gesehen?
Hat je einer euch erzählt, wie es denn tatsächlich aussieht?
Gibt es dort Wiesen, Wälder – oder doch nur Wolken?
Wo wohnen all die Menschen, die sterben?
Muss man Miete zahlen dort oben, oder benötigt man keine Häuser und Wohnungen mehr, wenn man stirbt?

Wenn ein junger Mensch stirbt, denken alle, es sei zu früh gewesen.
Aber ist denn jemals die richtige Zeit?

Natürlich ist es schmerzhaft, einen Menschen gehen zu sehen, der noch so viel vor sich hat, sei es der erste Kuss, das erste Mal, ein Schulabschluss, der Führerschein, die erste eigene Wohnung oder der erste Job.
Aber ist es denn besser, wenn ein alter Mensch stirbt?
Hat dieser Mensch denn nicht auch noch Wünsche, oder Dinge, die er sehen möchte?

Warum sollte ein 18jähriger ein größeres Recht auf Leben haben, damit er seinen Schulabschluss machen kann – als eine alte Frau, die so gerne eben jenen 18jährigen sehen möchte, wie er sein Zeugnis bekommt?

Der Tod ist nie gerecht, und er kommt immer zu früh.

Immer ist da noch was, das getan werden muss; und manchmal ist der Glaube an Pflichterfüllung das einzige, was einen noch am Leben hält.
Wenn eine Klausur unbedingt noch geschrieben werden muss, der Essay noch abgegeben werden muss.
Ein Festival, für das man Karten hat.
Und wenn es nur die Wäsche ist, die noch gewaschen werden sollte – manchmal sind es auch die kleinen Dinge, die einen davor bewahren, der Welt ein deutliches „FICK DICH!“ zuzurufen und das ganze Chaos ein für alle Mal zu beenden.

Manchmal weint man nur, um zu sehen, wer die Tränen wegwischen würde.
Manchmal läuft man nur deshalb davon, um zu sehen, wer sich die Mühe macht, hinterher zu laufen.
Und manchmal will man sterben, um erfahren zu können, wer um einen weinen würde.
(Anonym)

Ich will noch nicht sterben.
Es gibt noch genügend Dinge, die ich unbedingt tun möchte.

Aber was passiert, wenn einem die Wahl genommen wird?

Wenn man noch so viel tun möchte, noch so viel sehen will, aber einem die Möglichkeit genommen wird, wenn man genau weiß, dass man all das nie tun oder sehen wird?

Sollte man dann aus Trotz das Ende seines Lebens selbst bestimmen – oder versuchen, die Zeit zu nutzen, die man noch hat?

Manchmal will ich wissen, wer meine Tränen trocknet, wer mir nachlaufen würde und wer um mich weinen würde.
Manchmal will ich der Welt ein „Fick dich!“ zurufen.

Ich weiß, dass für mich immer jemand da sein wird, der meine Tränen trocknet, der mir nachläuft, und ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die um mich weinen würden.

Und wenn ich der Welt schon nicht unbedingt ein „Fick dich!“ zurufen kann -

dann zumindest jeden Tag dem Tod, wenn ich in die Welt hinausrufe, dass ich noch lebendig bin.

Kommentare:

  1. Gefahr laufend, mich zu wiederholen. Wieder extrem Slam-Text-artig. ;) Immer wenn ich Texte von dir lese, habe ich immer eine Stimme im Kopf die das ganze auf einer Bühne vorträgt. Irgendwie gruselig.

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  2. bald, nur Geduld - nach dem 15. September wird es sogar eine Woche jeden Tag lang was geben :) (vorausgesetzt, die Motivation verlässt mich nicht^^)

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